Langlebigkeit – Auswirkungen auf Alters- und Pflegeeinrichtungen
- Hagr Arobei

- 13. Aug.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 27. Okt.
Die steigende Lebenserwartung verändert die Realität in Alters- und Pflegeheimen spürbar. Der Soziologe und Altersexperte Prof. Dr. phil. François Höpflinger beleuchtet in seinem aktuellen Kolumnenbeitrag, wie der demografische Wandel die Alters- und Pflegeeinrichtungen verändert – von kürzeren Aufenthaltsdauern über höhere Pflegeintensität bis hin zu neuen Anforderungen an Betreuung, Personal und Finanzierung.

Die steigende Lebenserwartung trägt dazu bei, dass sich das durchschnittliche Alter beim Eintritt in eine Alters- und Pflegeeinrichtung erhöht hat (2008: 81 Jahre, 2023: 85 Jahre). Ende 2023 waren ein Drittel der Langzeitbewohnerschaft von Alters- und Pflegeheimen 90-jährig und älter. Ein hohes Eintrittsalter verkürzt die Aufenthaltsdauer - ein Trend, der durch eine vermehrte Nutzung von Formen der Übergangspflege verstärkt wird. 2023 lag die durchschnittliche Aufenthaltsdauer bei 2.6 Jahren. Allerdings verdecken die Durchschnittswerte bedeutsame Lebensunterschiede, etwa zwischen alten Menschen, die kurz vor ihrem Lebensende in eine Pflegeeinrichtung wechseln und alten Menschen, die lange stationär gepflegt werden wie beispielsweise demenzerkrankte alte Menschen ohne kardiovaskuläre Erkrankungen.
Das ansteigende Alter von Heimbewohnenden ist mit einer erhöhten Pflegeintensität verbunden. Zwischen 2013 und 2023 hat sich die durchschnittliche tägliche Pflegedauer von 112 auf 127 Minuten erhöht. Der Anteil an nur leicht pflegebedürftigen Personen sank (2013: 20%, 2023: 11%), verstärkt durch kantonale Strategien, eine stationäre Versorgung nur bei ausgeprägter Pflegebedürftigkeit zu finanzieren. In jedem Fall steigt in den Alters- und Pflegeheimen der Anteil der betreuten Personen an, die polymorbid sind und mehrere Medikamente konsumieren. Da somatische Alterserkrankungen wie Hüftprobleme, Herz- und Kreislauferkrankungen (vorläufig) noch eher behandelt werden können als hirnorganische Erkrankungen, steigt in den Alters- und Pflegeheimen speziell der Anteil an demenzerkrankten Menschen. Dies auch weil eine ambulante Versorgung bei ausgeprägter demenzieller Erkrankung bei alleinstehenden Personen kaum mehr möglich ist. Von den 2017-221 verstorbenen Demenzpatienten und -patientinnen lebten 72% vor ihrem Tod in einem Pflegeheim (und weitere 19% hatten mindestens einen vorübergehenden Pflegeheimaufenthalt hinter sich).
Alle diese gut bekannten Folgen einer steigenden Lebenserwartung erhöhen die Ansprüche an eine hohe professionelle Betreuungs- und Pflegequalität in Alters- und Pflegeeinrichtungen. Langlebigkeit hat zusätzlich direkte wie indirekte finanzielle Folgen. So steigen durch die vorher angeführten Trends – die sich in Zukunft verstärken werden – die finanziellen Aufwendungen von Alters- und Pflegeheimen. Zudem, weil polymorbide alte Menschen mit je unterschiedlichen biografischen Prägungen kaum mehr ‘standardmässig’ betreut werden können. Ein gutes Qualitätsmanagement kann indirekt zu ‘Kosteneinsparungen’ beitragen, etwa weil eine Entlastung pflegerischer Fachpersonen von administrativen Aufgaben und ein gutes Generationenmanagement (in denen jüngere und ältere Fachpersonen eng zusammenarbeiten) die Kündigungsraten – und dabei entfallende Mehrkosten – reduzieren.
Aber auch bei einem nicht unwesentlichen Teil der Heimbewohnerschaft können sich neue finanzielle Langlebigkeitsrisiken ergeben. Dies gilt namentlich für neuere Generationen (Baby-Boomers), die im Alter pflegebedingt Wohneigentum oder andere Vermögenswerte zu veräussern haben. Eine erhöhte Inflation – wie sie sich längerfristig abzeichnet – kann den Wert beruflicher Renten nach und nach verringern und zu einer relativen Verarmung im hohen Lebensalter beitragen bzw. dazu führen, dass in den letzten Lebensjahren vermehrt ein Bezug von Ergänzungsleistungen zur AHV notwendig wird (und je nach Kanton können in Zukunft auch vermehrt ungedeckte Beerdigungskosten anfallen).
Langlebigkeit hat für die Betreuung und Pflege im Alter noch weitere Auswirkungen, die weniger bekannt und weniger diskutiert werden.
Die offensichtliche Kehrseite eines hohen Lebensalters ist die Tatsache, dass sich damit die Generationendifferenzen zum Pflegepersonal ausweiten und verstärken. Manche heute hochaltrige Menschen haben eine Kindheit und Jugend in Armut und Not erfahren und sie wuchsen oft in bäuerlich-gewerblichen Milieus oder in Arbeiterkreisen auf. In den 1950er und 1960er Jahren – als heute alte Menschen ihre Familien gründeten - waren Ehe und Familie – in einer noch durchwegs kleinstädtischen und kleinbürgerlichen Schweiz - traditionell geprägt, was bis heute Familienvorstellungen alter Frauen und Männer beeinflusst. Die Prägung durch heute verschwundene Sprachformeln, Höflichkeitsgebräuche oder normativ-religiöse Werthaltungen führen im Kontakt zwischen hochaltrigen Menschen und jüngeren Menschen zu bedeutsamen Verhaltensunterschieden (und nicht selten haben alte Menschen Mühe, die Sprache der Jungen von heute überhaupt zu verstehen). Gleichzeitig bedeutet die körperliche, psychische und soziale Fragilität alter Menschen in Alters- und Pflegeheimen, dass die Ressourcen abnehmen, sich proaktiv auf jüngere Menschen einzustellen. Im hohen Lebensalter können vorhandene Generationendifferenzen zumeist nicht mehr von den alten Menschen bewältigt werden, sondern zentral ist eine Anpassung der jüngeren Generation (des Pflegepersonals) an die Lebensgeschichte und Werthaltungen der Vertreterinnen alter Generationen.
Negativ können sich in Betreuungs- und Pflegesituationen versteckte und unbewusste Altersstereotype junger Pflegefachpersonen auswirken. Negative Erwartungshaltungen gegenüber alten Menschen können zu kommunikativem Fehlverhalten beitragen, z.B. wenn das Personal, aber auch Freiwillige oder Besuchende alte Menschen zu laut ansprechen, ihr Vokabular übertrieben vereinfachen (‚secondary baby talk‘) oder sich überzogen familiär verhalten.
Ein hohes Alter von Heimbewohnenden hat nicht selten einen weiteren indirekten Effekt: Die Angehörigen (Töchter, Söhne) befinden sich oft schon selbst in einem Lebensalter, wo körperliche Alternsprozesse vermehrt sichtbar werden, wodurch die Heimsituation der Mutter bzw. des Vaters vermehrt Überlegungen und Ängste zum eigenen Alter auslösen kann. Dies kann dazu beitragen, dass von der nachkommenden Generation hohe Qualitätsansprüche an die Alterspflege betont werden. In Einzelsituationen können zudem alte familiale Konflikte und Schuldgefühle wieder aktuell werden.
In unserer individualisierten Gesellschaft leben verhältnismässig wenig alte Eltern bei oder mit erwachsenen Kindern.
Der Anteil von 80-jährigen und älteren Menschen, die mit erwachsenen Kindern im gleichen Haushalt zusammenleben, liegt in der Schweiz gegenwärtig bei weniger als 5%. Noch geringer ist der Anteil älteren Menschen, die in Dreigenerationenhaushalten leben, Bezogen auf Personen mit Nachkommen wohnen gegenwärtig höchstens 2% bis 3% der Grosseltern mit Enkelkindern zusammen im gleichen Haushalt.
Im höheren Lebensalter – nach Auszug der Kinder – leben die allermeisten älteren Frauen und Männer in Ein- oder Zwei-Personenhaushaltungen. Im höheren Lebensalter steigt namentlich der Anteil an alleinlebenden Menschen. Dies ist insbesondere bei Frauen der Fall, die dank höherer Lebenserwartung häufiger ihren Partner überleben. In den letzten Jahrzehnten hat sich der Anteil alleinlebender alter Menschen wesentlich erhöht (teilweise auch dank ambulanter Pflege sowie einer starken Gewichtung der eigenen Selbständigkeit im Alter). Zwischen 1970 und 2022 hat sich der Anteil der alleinlebenden über 79-jährigen Männer von 19% auf 27% erhöht und bei den über 79-jährigen Frauen sogar von 39% auf 64%.
Wir haben somit immer mehr alte Menschen, die jahrelang allein lebten und dann im hohen Alter durch den Übertritt in eine Alters- und Pflegeeinrichtung in eine sozial dicht belegte Wohnform (mit vielen anderen Bewohnern und viel Pflegepersonal) wechseln. Dieser Wechsel von einem hyperindividuellen zu einer sozialen und multigenerativen Wohnform kann zumindest vorübergehend zu einer sozialen Überforderung der betroffenen Menschen führen. Zu einem guten Qualitätsmanagement von Alters- und Pflegeheimen gehört deshalb auch eine gute Begleitung nach einem Heimeintritt (inkl. Bereitstellung von Rückzugsorten oder Bezugspersonen während der ersten Phase).
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