Pflege, Roboter und Scham: Wie Technologie den Alltag älterer Menschen verändert
- Hagr Arobei
- vor 7 Tagen
- 6 Min. Lesezeit
Roboter in der Pflege versprechen Entlastung, Sicherheit und mehr Selbstständigkeit – werfen aber auch heikle Fragen auf. Sozialforscherin Sabina Misoch erklärt, warum Scham, Autonomie und Einsamkeit zentrale Rollen spielen und weshalb Technologie den Menschen nicht ersetzen, sondern unterstützen soll.

Stellen Sie sich vor, Sie leben in einer Pflegeinstitution. Würden Sie sich lieber von einer Pflegefachperson waschen lassen – oder von einem Roboter?
Es gab tatsächlich Seniorinnen und Senioren, denen es lieber wäre, von einem Roboter gewaschen zu werden als von der Pflege [...].
Diese Frage stellte die Sozialforscherin Sabina Misoch im Rahmen einer Studie Seniorinnen und Senioren. «Es gab tatsächlich Seniorinnen und Senioren, denen es lieber wäre, von einem Roboter gewaschen zu werden als von der Pflege, weil der Roboter nicht urteilt», sagt Misoch. Dabei spiele ein Aspekt eine zentrale Rolle: Scham. Bei machen Pflegefachpersonen bestehe seitens Seniorinnen und Senioren die Angst, sie könnten etwas Abwertendes denken.
Auch ausserhalb von Pflegeeinrichtungen spielt der Einsatz von Technologie eine wichtige Rolle. «Dass man länger zu Hause bleiben kann, ist der wichtigste Grund, Technologien zu nutzen», sagt Misoch. Es fühle sich freier und selbstständiger an, nicht auf andere Menschen angewiesen zu sein. Bei einem vollständig sachlichen System müsse man nicht dankbar sein. Viele Verluste im Alter seien mit Scham und Peinlichkeit verbunden. «Niemand hat Freude, wenn das Gedächtnis schlechter wird und man nicht mehr weiss, welcher Tag heute ist.» Eine Technologie, die «nur eine Sache ist» und fehlerfrei funktioniert, könne in solchen Situationen eine grosse Unterstützung darstellen.
Der Einsatz von Technologie in der Unterstützung älterer Menschen ist jedoch nicht nur im Hinblick auf länger währende Autonomie von Bedeutung. Auch für Angehörige kann er entlastend wirken. Ein zentrales Stichwort ist dabei Sicherheit. So wurden zum Beispiel Sensoren im Kühlschrank getestet, die eine Notfallperson kontaktieren, wenn der Kühlschrank den ganzen Tag nicht geöffnet wurde und möglicherweise etwas nicht stimmt. «Der Sicherheitsaspekt ist spannenderweise ein Aspekt, den die Seniorinnen und Senioren weniger im Blick haben als die Angehörigen», sagt Misoch.
Roboter als Gesprächspartner
KI-gesteuerte Roboter könnten eine gezieltere Unterstützung ermöglichen – sowohl zu Hause als auch in Institutionen.
Weitere Technologien sind Smartwatches, die Vitalparameter messen, oder komplexere Systeme wie Robotik, mit denen Personen über den ganzen Tag hinweg begleitet werden können. Diese erkennen etwa, wann jemand aufsteht, erinnern an Medikamente und anstehende Termine oder bieten Musikunterhaltung sowie Spiele für das kognitive Training an. «Der Fächer von Companionship ist so unglaublich breit, dass ich beispielsweise in Form eines robotischen Systems ein kommunikatives Gegenüber haben kann», so Misoch.
Gleichzeitig stossen die bislang entwickelten und getesteten Roboter in der Kommunikation an Grenzen. Viele Systeme waren bislang auf vorprogrammierte Kommunikationen beschränkt. Im Rahmen einer Vergleichsstudie setzte Misoch den kleinen Roboter namens «NAO» für die Bewegungsförderung von Seniorinnen und Senioren zu Hause ein. Ziel war es herauszufinden, ob Übungen unter Anleitung eines Roboters motivierender sind als solche mit einer Videoanleitung oder als solche per E-Mail. Das Repertoire des Roboters war jedoch begrenzt. «Wenn er beispielsweise umfällt, dann gab es fünf verschiedene Sätze, mit denen er darauf reagierte», erklärt Misoch. Zu Beginn hätten die Testpersonen NAO als unterhaltsam empfunden, mit der Zeit sei es jedoch langweilig geworden.
Mit der Integration von künstlicher Intelligenz (KI) könnte sich dies ändern, weil KI ermöglicht, dass sich Systeme selbstlernend weiterentwickeln. Dies würde allerdings eine immens grosse Menge an Daten über die Anwendenden erfordern und Fragen in Bezug auf den Datenschutz aufwerfen. Gleichzeitig könnte dadurch die Qualität der Interaktionen gesteigert werden, weil das System mit der Zeit lerne, individuell zu unterstützen. «Ah, Frau Müller mag das gern, aber diese Übung macht sie immer ungenau, da muss ich genauer hinschauen», nennt Misoch als Beispiel. Solche KI-gesteuerten Roboter könnten eine gezieltere Unterstützung ermöglichen – sowohl zu Hause als auch in Institutionen.
Ersetzen Roboter den menschlichen Kontakt?
Für Personen, die stark unter Einsamkeit leiden, kann ein Roboter eine gute Option sein.
Auf die Frage, inwiefern die Gefahr bestehe, dass solche Roboter langfristig den zwischenmenschlichen Austausch ersetzen könnten, entgegnet Misoch lachend: «Hat nicht jemand bereits mal seinen Roboter geheiratet?» In westlichen Gesellschaften sei die Vorstellung, dass technische Systeme soziale Funktionen erfüllen noch nicht sehr positiv besetzt – anders als etwa in Japan. Dort gelte eine Unterhaltung mit einem Roboter nicht als weniger wertvoll als ein Gespräch mit einem Menschen. Während Roboter hierzulande häufig als seelenlose Maschinen wahrgenommen würden, gälten sie in Japan eher als beseelte Entitäten. Eine Unterhaltung mit einem Roboter sei für uns vielleicht witzig, habe jedoch nicht die gleiche Qualität wie die Kommunikation mit einem Menschen. «Meine Vermutung ist, dass sich das mit der Zeit eventuell verändern wird. Eine Gesellschaft bleibt nicht immer gleich, und andere Generationen sind anderen Einflüssen ausgesetzt», so Misoch.
In einer Studie wurden die Testpersonen gefragt, ob sie sich einen Roboter als soziales Gegenüber vorstellen könnten. «Die meisten haben das eher abschreckend empfunden. Aber es gab auch welche, die meinten, sie könnten sich das vorstellen - wenn sie ansonsten einsam wären.» Dass Roboter eines Tages den zwischenmenschlichen Kontakt ersetzen, befürchtet Misoch jedoch nicht. Der Mensch sei ein soziales Wesen und nicht dafür geschaffen, alleine in völliger Abgeschiedenheit zu leben, sondern in Gemeinschaft mit anderen. Für Personen, die stark unter Einsamkeit leiden, könne ein Roboter jedoch eine gute Option sein.
Technologie als Antwort auf den Pflegepersonalmangel
Ziel ist nicht, menschliche Pflege zu ersetzen, sondern sie zu entlasten [...] und mehr Zeit für das Wesentliche zu gewinnen.
Wenn Pflegeinstitutionen mit dem technologischen Wandel nicht Schritt halten, drohen langfristige Konsequenzen. «In zehn bis zwanzig Jahren werden sie vermutlich nicht mehr genügend Personal finden», sagt Misoch. Der technologische Fortschritt sei auch eine Reaktion auf den zunehmenden Personalmangel in der Pflege. Ziel sei dabei nicht, menschliche Pflege zu ersetzen, sondern sie zu entlasten.
Eine Studie von Misoch zeigte, dass Pflegefachpersonen einen grossen Teil ihrer Zeit mit Administration, Organisation und Wegen verbringen – Tätigkeiten, die kaum direkten Kontakt mit den Bewohnenden beinhalten. Viele dieser Aufgaben, etwa das Medikamentenmanagement, liessen sich technologisch unterstützen und seien dabei weniger fehleranfällig. So könne die Pflege mehr Zeit für das Wesentliche gewinnen: für Beziehung und Zuwendung. «Ein Heim nur mit Robotern wäre keine Lösung», betont Misoch. Menschliche Pflege bleibe unverzichtbar.
Digitale Teilhabe statt sozialer Isolation
Seniorinnen und Senioren merken, dass nicht online zu sein immer mehr auch zu einem Exklusionsmoment führt. Das Interesse, (sicher) online unterwegs zu sein, steigt.
Doch wie steht es um soziale Netzwerke? «Es hat sich jetzt schon gezeigt, dass die Digitalisierung für ältere Personen eine Chance ist, Kontakte zu halten und zu pflegen», sagt Misoch. Die Sorge, dass digitale Medien Face-to-Face-Interaktionen verdrängen könnten – wie dies bei Jugendlichen häufig diskutiert wird –, sei bei älteren Menschen weniger relevant. Diese seien aufgrund körperlicher Einschränkungen ohnehin häufiger zu Hause. Mediennutzung könne für sie ein Weg aus sozialer Begrenzung sein. Inzwischen gibt es auch Partnerbörsen für Seniorinnen und Senioren. «Die Industrie hat schon lange gemerkt, dass da ein attraktiver Markt ist, und der wird nicht nur im Bereich von Produkten umworben, sondern auch mit Kontaktbörsen und allem Möglichen.»
Allerdings hätten ältere Menschen oft eine gewisse Hemmschwelle, wenn es darum gehe, «einfach mal etwas auszuprobieren». Während Jugendliche bei neuen Tools neugierig werden und diese testen, seien Seniorinnen und Senioren häufig vorsichtiger und hätten schneller Angst, etwas kaputt zu machen, wenn plötzlich eine Fehlermeldung erscheint. Unterstützung sei deshalb zentral. Gerade Pflegeinstitutionen hätten hier gemäss Misoch einen Bildungsauftrag. Immer wieder Neues zu erlernen sei gerade im Alter wichtig. Die heutige Generation von Seniorinnen und Senioren sei – im Gegensatz zu den Babyboomern – nicht bereits in der Berufswelt digitalisiert worden. Heime könnten hier etwa eine Ansprechperson für digitale Fragen benennen, an die sich Bewohnerinnen und Bewohner wenden können. Die Babyboomer, die jetzt ins Rentenalter eintreten, seien hingegen im Grunde bereits digitalisiert.
Unabhängig von der Generation sei zudem der Umgang mit Gefahren in der digitalen Welt zentral. «Da muss man einfach dranbleiben, weil es immer wieder neue Schlupflöcher gibt», sagt Misoch. Es gibt bereits Organisationen, die Kurse zur digitalen Sicherheit für ältere Menschen anbieten. Mit KI entstehen jedoch neue Risiken: Schon wenige Tonaufnahmen könnten ausreichen, um die Stimme einer Person zu imitieren. So könnten Betrüger mithilfe von KI die Stimme eines Enkels nachahmen und einen Notfall vortäuschen, für den dringend Geld benötigt wird. Online sicher zu sein, sei ein Thema, das viele Seniorinnen und Senioren sehr interessiere. «Sie merken, dass nicht online zu sein immer mehr auch zu einem Exklusionsmoment führt. Deswegen glaube ich, ist es wichtig, digitale Kompetenzen auch in Heimen zu vermitteln», sagt Misoch.
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